Playing for Change – Musiker erinnern an Nelson Mandelas Erbe bei lokalem Tribute Concert und wehren sich gegen die Straßenmusik-Gebühr in Bonn

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Saico Baldè (l.), und sein kongolesischer Freund Bebison spielen Freiheitslieder aus der Zeit der Anti-Apartheid-Bewegung-(Foto: Solomon Eko)

Der 100. Geburtstag von Nelson Mandela wurde vergangene Woche in Bonn mit einer lokalen #WalkTogether Aktionswoche gefeiert. Sie beinhaltete ein Screening der mit Spannung erwarteten Mandela Lecture von Barack Obama in Johannesburg, Gesprächsrunden und ein interkulturelles Mandela100 Sommerfest am 21. Juli mit einem Grassroots Tribute Konzert im Eutopia.

#Mandela100 Fest mit Musik und Kunst

Lokale Künstler*innen und Zeitzeugen wollten damit an das Lebenswerk und die Ideale des südafrikanischen Freiheitskämpfers und Friedensnobelpreisträgers, der am 18. Juli 100 Jahre alt geworden wäre, erinnern und die Relevanz seines Erbes für unsere Zeit erkunden. Die Musiker erinnerten auch an die Rolle von Musik in der Anti-Apartheid Bewegung und brachten ihren Verdruss über die heutigen Restrinktionen gegenüber Straßenmusik in Bonn zum Ausdruck.

Bonn war das Zentrum der Anti-Apartheid Bewegung in Westdeutschland. Viele Bonner*innen sind Nelson Mandela  begegnet bei seinen historischen Besuchen in der ehemaligen Hauptstadt im Juni 1990 und Mai 1996.

Saico Balde’s Band spielte bei dem Willkommensempfang für Nelson Mandela (Foto: Saico Baldè)

Einer von ihnen ist Saico Baldé , der aus Guniea-Bissau stammt. Er hat Volkswirtschaft in Russland und Deutschland studiert und sich 1988 in Bonn der Anti-Apartheid-Bewegung angeschlossen. Mit seiner Band spielte er damals regelmäßig auf dem Markt und Münsterplatz und bei Protesten in anderen Städten für Freiheitsrechte und die Freilassung Mandelas.

Baldé ist auch bei dem Begrüßungsempfang aufgetreten, den der frühere Kanzler Willy Brandt als damaliger Präsident der Sozialistischen Internationalen am 11. Juli 1990 für Nelson Mandela in der SPD-Partei-Zentrale ausgerichtet hatte, vier Monate nach seiner Haftentlassung.

Nelson Mandela wurde am 11. Juni 1990 von tausenden Menschen in der SPD-Zentrale empfangen. (Foto: Saico Baldé)

Bei dem Mandela100 Tribute Konzert vergangenen Samstag trug Baldé mit seinem kongolesischen Freund Bebison einige Freiheitslieder vor (“Nelson Mandela- heroi de Africa”, “Soweto”, “Africa Unite”), die er seinerzeit geschrieben hatte.

Ein weiterer Höhepunkt war der Poetry Slam von Ingo Nordmann mit dem Titel “Weisses Privileg” , der sich geistvoll und provokativ mit Stereotypisierung beschäftigt. Das Bonner Singer-Songwriter Rap Duo Simon & Ingo hat auf ihrer neuen CD (“Die Guten Gewinnen”) auch eine   Liedversion  veröffentlicht.

#WalkTogether with Street Musicians

Zum musikalische Line-Up gehörten zudem die Folk Musiker und Liedermacher John Harrison, Sebastian Landwehr und Daniel Bongart , die gegen die Erhöhung der städtischen Gebühr für Straßenmusikanten protestieren. “Wir setzen uns für den Erhalt einer kulturellen Vielfalt ein, damit sich zukünftig junge Musiker ohne große Hürden beim Musizieren auf Bonns Straßen beweisen können und die Beethovenstadt wieder an Attraktivität für junge Menschen gewinnt,” so Bongart.

Das kostenlose Mandela100 Tribute Concert letzten Samstag war damit auch ein lokaler Beitrag zum International Busking Day am 21. Juli mit einem ganztägigen Festival im Londener Wembley Park und Straßenmusikfesten rund um dem Globus.

Daniel Bongart (l.) und Melchi wollen die musikalische Vielfalt in den Bonner Straßen fördern. (Foto: John Hurd)

Vor zwei Wochen hatte Bongart schon eine Demonstration organisiert mit Duzenden von Musikern auf dem Münsterplatz. Er hat einen Bürgerantrag zur Abschaffung der Gebühr eingereicht, die im Februar von 10 auf 25 Euro erhöht wurde. Am 29. August wird der Bürgerausschuss darüber entscheiden, ob der Antrag genehmigt und im Stadtrat beraten wird. Die Stadtverwaltung begründet die Gebühr mit dem Landes-Immissionsschutzgesetz, wozu der Lärmschutz zählt, und betrachtet Straßenmusik also als Lärm. In Köln wird sie dagegen als “Bestandteil der Straßenkunst” anerkannt und keine Gebühr erhoben.

In London sind Straßenkünstler ausdrücklich willkommen. Die Stadt hat sogar kürzlich in Kooperation mit dem schwedischen Tech-Unternehmen iZettle ein bargeldloses Bezahlsystem eingeführt im Rahmen der städtischen Busk in London Initiative, mit dessen Hilfe Passanten und Touristen ihre Wertschätzung für Musik auf Londons Straßen nun auch münzlos zum Ausdruck bringen können. „Damit London seinen Status als globale Hauptstadt der Musik beibehält, ist es wichtig, dass wir die Stars von morgen unterstützen,“ sagte Londons Bürgermeister Sadiq Khan zum Projekt-Launch.

Am 21. Juli wurde in London der International Busking Day für Straßenmusik gefeiert. (Foto: IBD/City of London)

In Bonn werden zur Zeit pro Bezirk maximal drei Spielerlaubnisse für Straßenmusikanten vergeben. Trommeln sind nicht erlaubt.  “Die Erlaubnis ist dann für zwei Tage gültig, aber die Musiker müssen jede halbe Stunde ihren Standort wechseln, außerhalb der Sicht- und Hörweite des vorherigen,” erläuterte Folk Club Bonn Mitglied John Hurd. “Straßenmusik ist Bestandteil der kulturellen Vielfalt einer Stadt. Sie macht die Atmosphäre freundlicher und attraktiver für die Einwohner und Touristen und gibt ihr ein menschliches Antlitz in einer zunehmend hektischen Umwelt und virtuellen Realität.”

67 Buskers | 67 Minutes | 67 Street Corners

Auch in Kapstadt beteiligten sich Straßenmusiker an den globalen Festivitäten zum 100. Geburtstag. Am Madela Day , der seit 2010 ein offizieller UN Tag ist, spielten 67 Musiker gleichzeitig 67 Minuten an 67 verschiedenen Orten der Stadt, um Menschen Freude zu bereiten und Geld zu sammeln für die musikalische Förderung von sozial benachteiligten Kindern. Die Zahl 67 steht stellvertretend für die Jahre seines Lebens, die Mandela sich für das Gemeinwohl eingesetzt hat, davon 27 Jahre in Gefangenschaft als politischer Häftling.

Nelson Mandela liebte Musik und wurde nach seiner Freilassung oft tanzend gesehen bei Veranstaltungen. Im Jahr 1999 erschien er bei einem Johnny Clegg Konzert in Frankfurt auf der Bühne und sagte:  “Music and dancing makes me at peace with the world … and makes me at peace with myself.”

Annedore Smith, eine deutsche Journalistin und ehemalige Anti-Apartheid Aktivistin, die in Oberursel bei Frankfurt lebt, hatte Nelson Mandela damals bei einer Pressekonferenz interviewt. Mandela, der kurz zuvor seine Amtzeit als der erste schwarze Präsident Südafrikas beendet hatte, war als Redner zum 25-jährigen Jubiläum der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) eingeladen worden. Die GTZ war eine der Vorläufer-Organisationen der in Bonn und Eschborn sitzenden Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Annerode Smith berichtet über die Anti-Apartheid Movement in England und das Erbe Mandelas in Südafrika (Foto: Solomon Eko)

Smith, die sich Anfang der 80er Jahre als Studentin in England der Anti-Apartheid Movement angeschlossen hatte, ist Mandela das erste Mal bei seinem Besuch in London begegnet zwei Monate nach seiner Haftentlassung.

Making Music for Madiba in London

Smith erinnerte sich beim Eco-Monday Mandela100 Talk in Bonn letzten Montag an die Pressekonferenz Mitte April 1990 , die sie als Reporterin für den deutschen Dienst der BBC besucht hat. (Die Live Stream Aufzeichnung des Zeitzeugen-Gesprächs findet sich hier und in dem Pod-Cast Interview erzählt sie über ihre Begegnungen mit Mandela auf Englisch.) 

Zeitzeugen-Gespräch am Eco Monday im Eutopia am 23. Juli (Foto: Solomon Eko)

Die britische Premierministerin Margret Thatcher hatte die ANC Befreiungsbewegung noch 1987 als eine “typische Terrororganisation” bezeichnet. Am 16. April 1990 stand Mandela nun beim “International Tribute for a Free South Africa” Konzert leibhaftig auf der  Bühne im Londoner Wembley Stadium. Zum musikalischen Line-Up gehörten Johnny Clegg, die Simple Minds, Lou Reed, Chrissie Hynde, Tracy Chapman, Bonnie Raitt, Natalie Cole, Neil Young und Peter Gabriel. Doch es war Mandela selbst, der das Stadium gerockt hat. Vor einer Menge von 72.000 — und Millionen, die das Konzert in über 60 Ländern der Welt im Fernsehen verfolgten — dankte er seinen Unterstützern in aller Welt:

“Thank you that you chose to care, because you could have decided otherwise. Thank you that you elected not to forget, because our fate could have been a passing concern. We are here today because, for almost three decades, you sustained a campaign for the unconditional release of all South African political prisoners. We are here because you took the humane decision that you could not ignore the inhumanity represented by the apartheid system.”

Annedore Smith, die lange Jahre als Auslandskorrespondentin und Media Trainerin in Zimbabwe tätig war und heute noch regelmäßig Südafrika besucht, sagte im Zeitzeugen-Gespräch, dass viele Afrikaner in Ländern außerhalb von Südafrika Nelson Mandela als eine weniger schillernde Persönlichkeit im afrikanischen Befreiungskampf betrachten als Europäer. “In Umfragen über die bedeutesten Afrikaner des 20. Jahrhundert rangiert Mandela unter den Top 10, aber nicht an erster Stelle,” so Smith. “Die Nachricht von Mandelas Tod wurde in Zimbabwe im staatlichen Rundfunk erst vor dem Wetterbericht verlesen.”

Die großen Solidaritätskonzerte in London seien auch eine Folge der Rock against Rassism Konzerte in England Ende der 70er Jahren und die Brixton Riots  Anfang der 80er Jahre gewesen, in denen schwarze Bevölkerungsschichten aus der Karibik gegen Diskriminierung auf die Straße gingen.

Die Simple Minds aus dem schottischen Glasgow, die den Mandela Day Song für das 1988  Nelson Mandela 70th Birthday Tribute Concert in London geschrieben haben, als Ausdruck der Solidarität mit dem damals noch inhaftierten Mandela, touren derzeit in Deutschland. Am Mittwoch traten sie in Bonn auf dem KunstRasen in der Rheinaue auf. Bei dem Konzert spielten sie  “Mandela Day” und andere Hits der 80er Jahren und Lieder von ihrem neuen Album Walk Between Worlds .

Anfang der 80er Jahre war der Name Mandela in der breiten Öffentlichkeit in Deutschland und der westlichen Welt kaum bekannt außerhalb von studentischen und kirchlichen Kreisen, der Bürgerrechtsbewegung und afrikanischen Diaspora. Der 1984 Hit Song “Free Nelson Mandela” von den Specials änderte das. Der britische Ska-Musiker und Specials-Mitgründer Jerry Dammers hat das Lied geschrieben, nachdem er 1983 ein Konzert  in London besucht hatte anlässlich Mandelas 65. Geburtstages. Während des Auftritts des südafrikanischen Trompeters Hugh Masekela, rief die Menge “Free Mandela!”.

Im Jahr 1985 wurde in den USA die Artists United Against Apartheid  Protestgruppe gegründet von  Steven van Zandt , ein Musiker, Schauspieler (Sopranos) und Mitglied von Bruce Springsteens E Street Band,  und dem Schallplattenproduzenten  Arthur Baker . Sie mobilisierten über 50 berühmte Musiker und Pop-Stars, die in dem Lied “Sun City” den kulturellen Boykott gegen das Apartheid-Regime erklärten. Der Refrain –“I ain’t gonna play Sun City!”– bezieht sich den Sun City Hotel-Casino-Komplex in Südafrika, das internationale Künstler buchte.  Der US-Kongress verabschiedete 1986 den “Comprehensive Anti-Apartheid Act”,  der Wirtschaftssanktionen und Reisebeschränkungen gegen die südafrikanische Regierung vorsah und Mandelas Freilassung forderte. Die Europäische Gemeinschaft zog mit sanften Sanktionen nach.

Im gleichen Jahr gründete Dammers in Großbritannien “Artists Against Apartheid” und initiierte mit dem Produzenten Tony Hollingworth das legenäre Nelson Mandela 70th birthday concert im Londoner Wembley Stadium, wo Van Zandt (Little Steven) den Protestsong “Sun City” zusammen mit den Simple Minds sang. Dass 11-stündige Konzert wurde  live von der BBC und anderen Sendern übertragen mit einer Rekordzahl von 600 Millionen Zuschauern weltweit.

Boykott-Plakat aus den 80er Jahren ([AAM] Archives Committee, London; Bodleian Libraries, University of Oxford, MSS. AAM 2512/1/111)
In einem Rückblick , sagte Hollingworth, dass das Ziel gewesen sei, den Afrikanischen Nationalkongress (ANC) und die Anti-Apartheid Bewegung als “positiv und zuversichtlich” zu repositionieren. Zuvor ist Mandela von westlichen Nachrichtenmedien meist als ein “schwarzer Terroristenanführer”, nicht als ein politischer Häftling bezeichnet worden.
“Die Situation in Südafrika war düster. Es hat Massaker gegeben und es wurde schlimmer, aber es fanden offensichtlich Verhandlungen hinter den Kulissen statt. Die Sanktionskampagne hat das Ruder um geworfen. All die Menschen, die die Barclays Bank boykottierten, kein Obst aus Südafrika kauften, haben beim Umbruch geholfen. Das war ‘people power’ rund um den Globus. Aber das war nichts im Vergleich zu den Opfer derjenigen, die unter der Apartheid gelitten haben,” erinnerte sich Dammers in einem 2013 The Guardian.Interview.
100 Jahre Mandela – Was ist das Erbe?
Die #WalkTogether Veranstaltungsreihe und Auseinandersetzung mit dem Erbe Mandelas wird am 26. August fortgesetzt  beim KulturCafé Brunch im MIGRApolis. Einer der Gäste ist der Bonner Journalist Helmut Lorscheid, der sich als investigativer Reporter (WDR/Der SPIEGEL) intensiv mit den wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland mit dem Apartheid-Staat und den Waffen- und Atom-Exporten nach Südafrika beschäftigt hat. (Siehe 2014 Cicero Artikel von ihm zu dem Thema.)
Dr. Helmut Orbon, ein ehemaliger deutscher Entwicklungshelfer wird via Skype (aus Harare) über den Umbruchprozess Ende der 80er Jahre, seine damalige Arbeit am Zimbabwe Institute for Southern Africa (ZISA), seine persönliche Beziehung zu Nelson Mandela und über die aktuellen Entwicklungen in Zimbabwe und Südafrika berichten.

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